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Dieses Duell zweier (recht unbekannten) Weingiganten in meinem aktuellen „Versus“ hat eine Vorgeschichte voller Zufälle, Schicksale und Fügungen. Nehmt Euch also Zeit für die Lektüre.

Vor einiger Zeit flatterte mir die aktuelle Preisliste eines meiner Stammwinzer ins Haus: 24 Euro für einen Rotwein? Ich war entsetzt – einen so teuren Wein hatte das Weingut Pix noch nie im Programm. Leisten könnte er es sich wohl: Über die Rotweine schreibt der aktuelle Gault Millau Weinführer fast schon euphorisch:

Und wer weiß, was noch so alles vornehmlich an roten Gewächsen im Keller mit viel Zeit so vor sich hinreift, der kann sich wirklich freuen. Welcome in Pixieland!

Klein, Bioland seit den Achtziger Jahren und in den vergangenen Jahren zu einer regelrechten Punkte- und Prämienmaschine geworden – das ist der Wein von Pix am Kaiserstuhl. Gault Millau listet derzeit das halbe Sortiment als Top-Weine mit knapp 90 Punkten auf. Zur Erläuterung die Einschätzung des Gault Millau:

Für viele ist 90 die magische Grenze, ab welcher ein Wein erst richtig gut ist. Doch auch ein mit 85 Punkten bewerteter Wein ist besser als 95 Prozent der übrigen deutschen Weinproduktion. Die Noten beziehen sich ausschließlich auf die Weinqualität, nicht aber auf das Verhältnis von Preis und Leistung.

Warum ist ein Wein 24 Euro wert?

Und nun stand der Rote da, Kamikaze sein Name: Ich griff zum Telefon und erreichte prompt den Chef persönlich. Die Traube Cabernet Carol verwendet er üblicherweise für seine Cuvees. 2009er Trauben habe er gemeinsam mit dem Sohn Hannes (und heutigem Betriebsleiter) handverlesen zu diesem Tropfen gekeltert. Der Name Kamikaze übrigens besitzt eine doppelte Bedeutung: Als Kamikaze bezeichnet Sohn Hannes Vater Reinholds Weinbaumethoden. Aber Kamikaze bedeutet auch „göttlicher Wind“, jene Taifune, die die Mongoleninvasion auf Japan im 13. Jahrhundert entscheidend beeinflussten.

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Muskelprotze aus der Provence

Und nun der Wein, der gegen diesen „göttlichen Wind“ antritt: Eine Fügung. Erzählt mir Winzer Pix, dass Weine wie aus Gigondas, Cotes-du-Rhone, zu den Vorbildern seines Kamikaze gehören. Bei mir klingelte es: Vor einigen Jahren hatte ich während einer Provence-Reise bei einem Schlussverkauf zugeschlagen. Aufmerksam war ich damals durch meinen Reiseführer geworden:

Für sehr kräftige und vor allem alkoholreiche Weine bekannt ist das Anbaugebiet Gigondas, wo in guten Jahren Msukelprotze von bis zu 16 % Alkohol gekeltert werden.

Das konnte ich mir nicht entgehen lassen, und kaufte für wenige Euros einige Flaschen eines „leichten“ Cristia 2006. Wie ich später erfahren habe, mit 95 Parker-Punkten behängt – und auch sonst werden die Tropfen der beiden Winzergechwister Dominique und Baptiste vor allem von den Angelsachsen sehr gelobt (und prämiert). Dort liegen die Preise teils deutlich über 20 Euro. Meine Flaschen sind heute ausverkauft.

Lassen wir die beiden also gegeneinander antreten!

Preislich schenken sie sich nichts. Beide kommen aus prämierten Hause, ohne weithin bekannte Weingüter zu sein. Kräftige Weine (15 Prozent von der Rhone, 16,5 % vom Kaiserstuhl) an der Grenze dessen, was natürlich machbar ist (dann stirbt die Hefe ab). Eine kräftige rubinrote Farbe – auch da sind die beiden sich ähnlich.

Cristia Collection, Cuvee aus 75 % Grenache, 25 % Mourvèdre 2006, Gigondas, Cotes-du-Rhone

Cristia GigondasÜppige Holzaromen, Barrique- und Lederaromen steigen in die Nase. Der Duft der herbstlichen, herben Provencegewürze (ja, ich weiß, weintechnisch gesehen, ist es nicht Provence) und Röstaromen weht einem entgegen. Mit dem ersten Schluck wendet sich das Blatt: intensive rote Beerenaromen übernehmen am Gaumen die Führung und überraschen, wo man mit einer Fortsetzung der holzig-würzigen Nasenerfahrung gerechnet hatte. Insgesamt eine wilde, kräftige Aromenmischung, die sich im Abgang nach und nach verabschiedet. Was so rauchig-erdig kräftig begann verliert sich am Ende in großer Fruchtigkeit – als wären es zwei Weine. Sehr gut – im Preis-Leistungs-Verhältnis (ohne das Glück eines Schlussverkaufs) zu teuer.

Pix Kamikaze, Cabernet Carol 2009, Kaiserstuhl, Baden

Kamikaze PixKann der Kaiserstuhl mithalten? Nein, er toppt sein Vorbild! Das Bouquet bietet volles Barrique in einer perfekten Komposition an Gewürz- und Fruchtaromen. Vanille, Paprika, geröstete Gewürze. Rote Beeren, schwarze Beeren – das volle Programm. Der erste Schluck schließt sich perfekt an: Die Aromen aus dem Bouquet sind noch da, die fruchtigen Aromen verstärken sich – eine Aufzählung würde lang, sie mischen sich so perfekt dazu, dass der Übergang zum ersten Tropfen auf dem Gaumen fließend erscheint. Der Abgang verwöhnt ewig. In einem halben Glas steckt der Genuss für einen ganzen Abend. Prädikat: Geld wert!

Fazit: Beide spielen das Aromarad rauf und runter: Cristia nacheinander, Kamikaze in herrlicher Gleichzeitigkeit. Insgesamt fegt der Kamikaze 2009 tatsächlich den alt eingesessen Cristia hinweg. Gegen die perfekte Fülle des Cabernet Carols wirkt der Cuvee von der Rhone fast schon wie eine nicht ganz auswogene, schwachbrüstige Wahl (was nur im direkten Vergleich so extrem rüberkommt, ansonsten ein wirklich guter Wein) – ich hätte dieses Ergebnis nicht erwartet.

Beide Weine tragen übrigens noch nach einer Nacht an der Luft: Der Gigondas wird ingesamt runder, der Kamikaze etwas holziger – der Genuss bei beiden geht weiter!

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