Schlagwörter

, , , ,

Ich erinnere mich an die überraschten Augen meines US-amerikanischen Gegenübers, als er in einer einfachen Hotelbar in Virginia Beach seinem Wunsch nach Sam Adams nicht mehr mit einem mitleidigem Kopfschütteln sondern zum ersten Mal mit einem vollen Pint entsprochen wurde.

CraftbeerNYC-01646Ich erinnere mich an schummrige Kellerbars mit Standup Comedy in Seattle und Garagenkneipen in Brooklyn, wo die Inhaber zu jeder Biersorte ein eigenes „Microbrew“ oder „Local Draft“ ausschenkten – mit dem stolzen Hinweis, dass die kleine Brauerei mit einer Handvoll Davids im Kampf gegen Industriegoliaths gleich um die Ecke abfülle.

CraftbeerNYC-01714Ich erinnere mich daran, wie man mit verschwörerischem Stolz in San Diego ein „Arrogant Bastard Ale“ über den Tresen schob – lange bevor die Stone Brewery das größte Restaurant der südkalifornischen Stadt eröffnete und jetzt nach Deutschland expandiert.

Und ich erinnere mich daran, wie in meiner tauberfränkischen Heimat die unabhängigen Kleinbrauereien teils in existenzieller Verzweiflung ihre alten Rezepte wieder auflegten, weil sie mit ihrem Pils gegen die Fernsehbiere unterzugehen drohten.

All das ist Jahre her…

GrandCru-01245Mit anhaltender Verwunderung verfolge ich, was in Deutschland unter dem Label „Craftbeer“ passiert. So trage ich diesen Beitrag schon eine ganze Weile mit mir herum – erst die Gedanken von Nils Wrage bei Mixology haben meine Aufregung in einer Veröffentlichung kanalisiert:

Craftbeer in Deutschland ist Bullshit!

Genau gesagt: Marketing Bullshit. Der US-Begriff bezeichnet all jene Biere, die kleine, teils kleinste Brauereien im Kampf gegen die überbordende Industrialisierung der US-Bierproduktion hervorgebracht haben. Einige, wie eben Samuel Adams oder Stone, waren damit extrem erfolgreich und sind heute selbst Großproduzenten. In Deutschland gibt es unter dem Label „Craftbeer“ diese Entwicklung nicht.

In DeutsCraftbeerNYC-01648chland drücken vor allem Braukonzerne das Label in den Markt und positionieren sich damit erfolgreich. Kaum eine Bierverkostung, wo nicht teils teure (überteuerte?) Konzernprodukte kredenzt werden. Was – bitteschön – haben Dr. Oetker (Braufactum) oder die Bitburger Holding (Köstritzer) mit „Craft“ – also „Handwerk“ – zu tun? Die Biere mögen vielleicht gut und besonders sein, doch Handwerk? Im Zweifel so sehr, wie Dr. Oetker Bionade für eine bessere Welt braut.

Die (gefühlte) Masse der deutschen Craftbeer-Jünger mit einem sonst so kritischen  Lebensmittelbewusstsein lässt sich von Konzernen häufig Nachahmer angelsächsischer Sorten einschenken: also Ales oder Porter; oft nach dem Motto: je teurer, desto attraktiver. Craftbeer in Deutschland steht für die McDonaldisierung des vermeintlich edlen Bierkonsums. Auch Stone will die deutsche Hype-Besessenheit nutzen und baut derzeit in Berlin mit großem Tamtam eine eigene Abfüllung auf.

Wir befinden uns im Jahr 2014…

CajunGulasch-02181Die ganze Craftbeer-Szene ist von Marketingkonzernen besetzt. Ganz Deutschland? Nein. Fast schon mit schelmischen Vergnügen positionieren sich echte deutsche Bierhandwerker. Ihre Betriebe gewinnen Nischenmärkte und Herzen, meist ohne Schnickschnack und zu Preisen deutlich unter einem Euro der halbe Liter. Frech verrät beispielsweise die churfränkische Brauerei Faust ihre Marketingstrategie: „International völlig unbedeutend. National eher zweitrangig. Regional der Hammer.“ Und damit das auch dem letzten Hipster klar wird, folgt der Slogan „Das bleibt unter uns“ – die Dörfer in den Tälern rund um Miltenberg machen’s deutlich: Überall leuchten blaue Wappen in den Gassen.

Der Weg zum Fernsehbier ist von Brauereileichen gesäumt.

So versuchen sich die Überlebenden am Label „Craftbeer“, nachdem Familien wie Licher oder König (beide heute Bitburger) sich an ihrer eigenen Massenmarktstrategie verschluckt hatten. Auch Astra ist heute nur noch eine entbeinte Marketinghülle und wird von Carlsberg irgendwo in Deutschland produziert. Von wegen St. Pauli: Auf dem ehemaligen Brauereigelände steht heute ein Luxushotel.

Craftbeer-02364Wer sich dieser Massenstrategie erfolgreich verweigert hat, boomt mit regionalem Handwerk: Keine 50 Kilometer von der Faust’schen Kellern entfernt in einem 1000-Seelen-Dorf im badisch-fränkischen Hinterland hat die Distelhäuser Brauerei – ein kleiner Familienbetrieb – das Würzburger Hofbräu (noch so ein gescheiterter Massenmarktaspirant, heute Kulmbacher Brauerei AG) in dessen fränkischen Heimatmarkt aus vielen gastronomischen Betrieben gefegt.

Vielleicht entwickelt sich in Deutschland genau dort doch noch eine schwache Parallele zu den US-amerikanischen Craftbeerpassionisten: Abseits des Möchtegern-Crafts mit Porter und Ale-Kopien entdecken Genießer, was Deutschlands Biere wirklich ausmacht: Alte Rezepte, guter Stoff. Das können die aufgefrischten Traditionsbrauereien wie Faust und Distelhäuser sein, oder – wie in den USA – engagierte brauende Kerle und Mädels wie etwa beim Kölner „Agenturbier Denkbräu„. Dann hätte Bier-Deutschland nur noch einen Standortnachteil: Wer kann schon Sonnenuntergang mit Sandstrand am Pazifik bieten wie die Island Brewing Company?

Prost!

Sonnenuntergang am Pazifikstrand in Kalifornien

Schlussbemerkungen: Natürlich gibt es zahlreiche weitere Beispiele. Nur ist das hier kein Katalog sondern lediglich ein Beleg über eine aktuelle deutsche Entwicklung.
Auch andere Märkte können Biertradition wiederauferstehen lassen: Hier empfehle ich einen Blick in die duopolisierte (Heineken und Carlsberg) Schweiz. Doch das wird ein anderer Beitrag.

Advertisements