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Für einen kurzen Moment ballte sie die Faust. Diese falsche Schlange hatte sich in Margas Küche bedient, während Marga im Keller war. Ein kurzes Lächeln huschte über Margas Gesicht, als sie in das Gläschen mit der Aufschrift „Tonka-Bohnen“ blickte: Hier fehlte etwas. Der Notizzettel unterm Glas war verschoben. Marga konnte ihre eigene Handschrift darauf komplett lesen: „Noch geheim, das beste Crème brûlée-Rezept mit Tonka-Bohne“. Noch einmal grinste Marga: „Läuft perfekt.“

Marga nahm das kleine Kaffeetütchen, das neben der Kaffeemühle stand, und trug es in den Flur, wo Daniela gerade ganz unschuldig den Reißverschluss ihres Stiefels hochzog. Daniela war ein Biest von Bloggerin. Erst vor drei Monaten hatte sie den Backwahn gewonnen, den wichtigsten Backblogger-Award einer regionalen Großmarktkette. Mit einem Rezept, das sie von Marga geklaut und vor ihr online gestellt hatte. Fiese Schlampe – noch dazu ohne Ahnung. Wahrscheinlich könnte sie nicht einmal eine Vanilleschote von einer Zimtstange unterscheiden,

„Nimm ruhig etwas mehr pro Tasse, das ist ein sehr milder Expresso,“ sagte Marga, als sie Daniela das Tütchen mit dem frisch gemahlenen Inhalt in die Hand drückte. Drei Monate nach dem dreisten Rezepte-Klau taten die beiden so, als wäre nie etwas geschehen. „Ich wünsche euch ein herrliches Candlelight-Dinner,“ verabschiedete sie ihre Lieblingsfeindin. Danielas neue Flamme war Margas Ex-Freund Roberto. Eines morgens hatte er sich einfach aus dem Staub gemacht. Ohne ein Wort zu sagen, war er für zwei Jahre ins Ausland verschwunden. Marga traf ihn erst wieder, als Daniela ihn als ihren neuen Freund präsentierte.

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„Bist du bereit für mein Dessert?“ fragte Daniela. Roberto legte das Messer zur Seite und nickte ihr im abgedunkelten Esszimmer zwischen den Kerzen zu. Daniela ging in die Küche, holte die Crème brûlée aus dem Kühlschrank und rieb mit der Muskatpresse noch etwas von den Bohnen darüber, die sie aus Margas Küche hatte mitgehen lassen. Sie setzte gleich noch zwei doppelte Espressi auf und brachte beides an den Tisch.

Marga schaute auf die Uhr, als das Telefon klingelte: 9:30. „Hey Marga, mit unserem Treffern wird das nichts heute. Roberto und ich haben uns den Magen verdorben. Haben heute morgen nur einen Kaffee runterbekommen.“ Am Abend telefonierte Daniela noch einmal, um einen Krankenwagen zu rufen. Sie hatte plötzlich hohes Fieber. Roberto lag mit schweren Krämpfen im Bett. Der Bereitschaftsarzt am Sonntag behandelte eine schwere Lebensmittelvergiftung. Auch am Montag ging es Daniela und Roberto nicht besser. Es kamen blutige Durchfälle dazu. Am Dienstag erlitt Daniela einen Kreislaufzusammenbruch. Sie starb in der Nacht auf Mittwoch, Roberto am Donnerstag. Der Oberarzt hatte zwar noch am Montag Abend die Rizin-Vergiftung diagnostiziert. Aber helfen konnte er nicht mehr.

Die Samen des Wunderbaums sind ein bis zwei Zentimeter groß und werden Castorbohnen genannt. Aus ihnen wird Rizinusöl gepresst. Zurück bleibt das fettunlösliche Rizin, das giftigste bekannte Protein. Bereits wenige Castorbohnen sind tödlich. Sie führen zu Fieber, schweren Durchfällen und Organversagen. Nach wenigen Tagen tritt der Tod ein. Ein Gegengift ist nicht bekannt.

P.S.: Den ersten Küchenkurzkrimi findest du hier.

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