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An irgendeinen der Lebensmittelskandale erinnert sich jeder. Dioxin-Eier? Klar, ab sofort werden nur noch Bio-Eier gekauft. Von wegen! Neun Prozent aller verkauften Eier sind Bio-Eier, schätzen die engagierten Lebensmittel-Lobbyisten von foodwatch. Horden von Lebensmittel- und Ernährungsmittelberatern ezählen uns täglich, dass wir auf gute Qualität und Vielfalt achten sollen. Hören wir drauf? Nein.

Die wahren Ernährungsverbesserer kommen aus der Schmuddelecke: Fast-Food-Läden, Hinterhof-Chaoten, Kellerkinder, Hinterwäldler und Sauforte. Ausgerechnet die Ungehörten und Unerhörten machen unser Essen besser – und viele machen mit. Doch der Reihe nach:

Route66Gentechnik- und industrieverseuchte USA? Gerade die aktuelle TTIP-Debatte zeichnet das Bild eines lebensmittelkonzernabhängigen Landes, das von gentechnikveränderten Lebensmitteln lebt, die mit umstrittenen Methoden bearbeitet werden. Wirklich? Lange Zeit war die am stärksten wachsende Supermarktkette in den USA Whole Foods – ein Bio- und Regio-Supermarkt aus Texas. Sein Erfolg trieb die traditionelle Konkurrenz in ökologische Produkte, die dadurch heute das Wachstum der Texaner bremsen. Überhaupt: In den USA wächst der Bio-Markt mit rund 20 Prozent, Deutschland schaffte es zuletzt auf knapp 5 Prozent. Übrigens: Es ist in den USA meist einfacher, an gentechnikfreie Produkte zu kommen, weil diese ausgeschildert sind. Versuch mal in Deutschland im Supermarkt jemand dazu eine vernünftige Antwort zu bekommen.

Strampler miit Burger-AufdruckFastfood? Auch dort treibt in den USA eine Qualitätswelle die Konzerne vor sich her. Der Schreck der alteingessesen Patties-Bratern kommt aus Manhattan und heißt Shake Shack, bietet Bio-Zutaten und Herkunftsnachweise (z.B. freilaufendes Black Angus). Die wachsende Zahl der Burger-Läden in Deutschland geht einen ähnlichen Weg: Qualität, Herkunft, Geschmack – Fast Food zum Wohlfühlen statt nur den Bauch füllen. Die Fette Kuh in Köln heimst sich damit sogar eine Erwähnung im Gault Millau ein. Der nächste Trend aus den USA: Pulled Pork oder andere langsam gegarte und geräucherte Fleischvarianten, die gerupft beim Gast landen. Mit Pig Bull BBQ hat Köln nun ebenfalls seinen ersten Laden – mit Anspruch. Und in der Tat schmeckt es dort nach viel Zeit, Rauch und Handarbeit. Endlich mal ein Laden, wo nichts in Marinade ertränkt wird. Jetzt warte ich auf den Pastrami-Hype in Deutschland!

Foodtruck mit SchlangeEssen auf Rädern? Halbes Hähnchen für wenig Euro. Immer sofort verfügbar. Auf dem Großparkplatz des Baumarkts. Heute gibt es die Wägen als kulinarischen Wanderzirkus, nennen sich Street Food und pflegen meist eine fast leidenschaftliche Beziehung zu Ihren Gerichten. Beim Kölner Street Food Festival ist das Zuhören mindestens so interessant wie das Essen. Endlich scheint der gute alte Naschmarkt zurückzukommen, verpackt als Kopie der über Jahre etablierten Food Trucks and Carts der USA und vielen Ideen der asiatischen Straßenküche.

Nachher: Softshell Crab Burger

Barfood? Komm, lass uns Fußball schauen und was trinken! Ziel: Pub. Verschiedene Englische Pubs haben die Evolution von der brachialen Saufstation zum Feinschmecker-Tresen schon seit Jahren hinter sich. The Hand and Flowers hält bereits zwei Sterne, und mit Harwood Arms hat seit 2012 auch London seinen ersten Pub-Stern.

Fränkisches DunkelbierBier? Deutschland erwacht nicht aus einem Dornröschenschlaf, Deutschland lässt sich wachküssen. Ausgerechnet Dr. Oetker treibt mit Braufactum den Craftbier-Trend in Deutschland voran, um einen großen Stück vom Kuchen abzubekommen. Offensichtlich haben deutsche Brauereien vom grandiosen Aufstieg der Craftbrauer in den USA gelernt: Kleine besinnen sich auf ihre Tradition, große springen schnell auf und neue machen munter mit. Vielleicht ist es nicht alles „Craft“ (es schwirren unzähige ideologisch besetzte Definitionen dazu herum), was in Deutschland passiert, aber Vielfalt und Rückkehr von Tradition ist es allemal.

Stadtmenschen? Mein Fazit: Als Landei in der Großstadt freue ich mich, dass all die Trends vor allem aus den Großstädten kommen. Sollen Berliner Bierhipster sich gerne die Krone dafür aufsetzen, für das, was wir in der süddeutschen Provinz schon von Jugend an getrunken haben. Da lasse ich sie gerne mit Hut bei ihrem Ökobauern vor den Stadttoren bei der Ernte mitstapfen und Möhren aufklauben; wir haben als Kinder gehasst mithelfen zu müssen. Gerne darf krummes Gemüse heute „Misfits“ heißen, wenn es dafür auf einem „Foodmarket“ in einer ehemaligen Industriebrachen zu guten Preisen verkauft werden kann. Das Neue ist das Alte in stylischer Verpackung. Solange niemand mehr glaubt, dass die Kuh lila ist und damit die Welt ein bisschen besser wird, beiße ich in meinen Apfel, mache mit und schmunzele still in mich hinein.

 

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