Schlagwörter

, ,

Vorspeise gefällig?Samstag, 16:30: „Das ist eine Sackgasse?“ fragte die Frau vom Ordnungsamt, als sie die Lagerhalle auf dem alten Rangierbahnhof begutachtete. Thomas nickte. „Wenn Sie morgen Ihr Street Food Festival fortsetzen wollen, dann müssen sie den Zugang vorher zumauern. Sie haben zu viele Besucher – bei einer Flucht könnten die Leute sonst hier reindrängen.“ Thomas sagte zu, dass sie vor dem zweiten Festivaltag den Zugang verschließen würden. Seine Veranstaltung sollte nicht an den immer strengeren Vorgaben der Stadt scheitern. Letztlich war es ein Nebeneffekt des Erfolgs: Wo Tausende Menschen ihr Street Food genießen, schaut das Ordnungsamt genau hin.

Schnell voll: Das ist typisch Streetfoodfestival.Samstag, 17:30: Mittlerweile traumwandlerisch sicher drehte sich Marga hinter der engen Durchreiche des kleinen Wohnwagens um. „Zweimal Macaron Monster grün und Sweet Dürüm,“ rief sie ihrer Mitstreiterin Veronika zu, während sie selbst das Sieb der Friteuse füllte. Das musste man Veronika lassen: Ihren ersten Auftritt auf dem Street Food Festival hatte sie super auf die Beine gestellt. Hatte sich innerhalb weniger Wochen um einen Platz gekümmert mit ihrem Konzept der süßen Burger. Alles sollte aussehen wie die Fleischvarianten, aber eben fruchtig-frisch und süß. Im Schuppen von Veronikas Tante hatten sie einen uralten, winzigen Wohnwagen entdeckt und umgebaut: Eine große Klappe an der Seite für Theke und Durchreiche, an der anderen Seite die Küchenzeile. Mit bunten Streifen bemalt und „Sweet Burgers from the Sweet Cats“ darüber gepinselt.

Samstag, 21:30: „Endlich wird’s ruhiger.“ Marga wischte sich die Hände an ihrer Schürze ab. Pluto, the Cat, stand darauf. Und das Kätzchen hatte mittlerweile einige süße Streifen abbekommen. „Yipp, lass uns was zum Anstoßen holen. Was nehmen wir?“ fragte Veronika. „Hinten im Kabuff neben den Toiletten steht ein Karton mit Sherry – ein richtig schöner, dunkler Amontillado.“ Veronika schaute Marga verblüfft an und lachte: „Wow, was geht mit dir? Du kannst doch sonst kaum Sherry von Wein unterscheiden!“ Beide liefen los und machten vor dem Zugang halt, weil einige Zementsäcke und Mauersteine den Weg verstellten. Sie kletterten darüber und weiter nach hinten über einige leere Paletten und Kisten. „Kommst du?“ fragte Marga, die als erste hinter den Blähbetonblöcken verschwunden war.

Gibt es übrigens eigentlich erst beim nächsten StreetfoodfestivalSonntag, 09:00: Noch wirkte die Halle und der Außenbereich sehr verschlafen, einige Köche schlurften mit Kaffeepötten übers Gelände, der Duft der ersten frisch gerösteten Gewürze lag in der Luft. In einer Wanne gluckste Mörtel, während Thomas fleißig rührte. Matthias schleppte die letzten Steine. Einige Straßenköche halfen den beiden Veranstaltern. „Noch zwei Reihen, dann sind wir fertig. Perfekt in der Zeit!“ Einer fragte: „Bleibt das Zeug da drin?“ – „Ja, ich hatte gestern nachgeschaut, sind nur leere Kisten, alte Säcke und gebrochene Paletten.“ – „Gut, dann setzen wir die letzten Steine drauf.“

Sonntag, 11:45: „Auch dieser Stand ist zum ersten Mal beim Street Food Festival dabei.“ Mareike führte eine Bloggergruppe über das Festival: „Bei the Sweet Cats gibt’s süße Burger oder einen Dürüm aus Crepe mit frischem Obststreifen und frittierten Kokosbällchen.“ Schon händigte Marga die erste Probierportion aus dem Wohnwagen. „Das ist unsere süße Variante der Falafel.“ Die Kameras und Smartphones klickten. „Wo ist Veronika heute?“ fragte Mareike. „Ich warte noch auf sie,“ antwortete Marga. „Sollte jeden Moment auch wieder am Start sein.“

Ein Jahr später: Die Umbaumaßnahmen waren jäh gestoppt worden. Jetzt nahmen Polizisten die Halle in Beschlag, wo eben noch die Bauarbeiter mit Presslufthammer und Schubkarren unterwegs waren.  „Könnte ein heftiger Schlag auf den Hinterkopf gewesen sein,“ mustmaßte Markus Szebesta von der Spurensicherung. Er griff nach einer Weinflasche mit abgeschlagenem Hals und hielt sie gegen das Licht: „Sieht aus, als wurde sie in den Bauch gerammt.“  Dann ließ er sie wieder sinken. „War wohl nicht tödlich: Das Opfer ist aber daran verblutet.“

Das Motiv des eingemauerten Mordopfers ist nicht neu. Die berühmtesten Toten lieferte Edgar Allen Poe mit seinen Kurzgeschichten „The Black Cat“ und „The Cask of Amontillado„. Dieser Foodkrimi ist eine Hommage an ihn – er ist einer der Väter der amerikanischen Kurzgeschichte.

Personen und Handlung sind frei erfunden, aber Ähnlichkeiten mit noch lebenden oder toten Personen oder Veranstaltungen des wahren Lebens sind weder zufällig noch unbeabsichtigt.

 

Merken

Advertisements