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Rettungsfahrzeug an Venice BeachIm lifestyle-verliebten Kalifornien ist Kale derzeit überall. An jeder Straßenecke wird er beworben, in jedem Kiosk ist er zu finden. Weil er cool ist, weil er so gesund ist. In Deutschland nennen sie Kale die „Palme des Nordens“. Aber wer mit dem Trend geht, nennt ihn auch hier Kale. Kale ist Grünkohl. Kale ist Superfood. Kale ist typisch für das, was gerade mit unserem Essen passiert.

Mit unserem Essen passiert etwas? Nein, genaugenommen passiert mit dem Essen gar nichts sondern nur mit dessen Wahrnehmung: Viele Lebensmittel, Gerichte, Traditionen und Verarbeitungsformen kehren zurück. Damit das nicht altmodisch und verstaubt rüberkommt, gibt es neue Namen. Die Palme des Nordens heißt dann eben Kale. Verkauft sich besser.

Gemüse„Iss das, das ist ganz gesund.“ Mit dem Spruch vermiesten unsere Eltern mit Sicherheit jedes leckere Essen. Die Kinder von einst sind zu Marketingstrategen herangewachsen, die es besser machen: Sie verkaufen uns erfolgreich Superfoods zu übertriebenen Preisen. Nicht zum Sattwerden oder Gesundmachen sondern um Stil zu zeigen. Sexy.

Drei KonfitürengläseZeitsprung. 20 Jahre zurück in den Kindergarten: Was wäre mit uns und unserer eingerührten, selbstgemachten Konfitüre im Naturjoghurt und den leicht gebräunten Apfelschnitzen passiert? Genau, in der Hecke gelandet wären wir, und alle hätten sich um das Mädel mit dem Nutellabaguette geschart. Heute würden sie uns nachlaufen, die eingemachten Früchte bei einem Foodswap aus der Hand reißen und feiern, weil es DIY ist – Do It Yourself, doch wie peinlich war uns immer dieser Jean Pütz? Statt zum Kaffeekränzchen laden wir unsere neuen Freunde – ähm, ne: besser „Foodies“ – zu einem Food Event ein, vielleicht einen Street Food Markt, denn am Hähnchengrill treffen sich nur Assis.

SpareRibs-04339Die Schlachtplatte war nichts für uns. Onkel Alfons durfte sie liebend gern dem Rest der Verwandtschaft auf das Vesperbrett knallen. Heute genießen wir Fleisch nose-to-tail. Nicht wegen des schmalen Geldbeutels sondern wegen der politischen Korrektheit darf vom Tier heute nichts mehr übrigbleiben. Dazu trinken wir kein Starkbier aus der Dorfbrauerei mehr, sondern ein Imperial Doldengedöns locally brewed aus einzeln geküssten Hopfenblättern und zig hektoliterweise Herzblut. Nur deshalb kauft auch der letzte Berliner Bartrträger beim niederbayrischen Hinterwäldler (denn nicht anders würde die Berliner Szene ihn wahrnehmen, würde er nicht Craftbier vermarkten). Übrigens: Demnächst verkauft er craft spirits – Opa, der alte Dorfbrenner wird reaktiviert.

Der kleine Jochen klopft SchnitzelUns bleibt ja auch nichts anderes übrig: In Zeiten von Werteverfall, Politikerverdrossenheit und Säkularisierung suchen wir neue moralische Helden – und finden sie in den Feindbildern von einst: Die Kerle, die wir vermeintlichen Bessermenschen nicht mal mit dem Arsch angeschaut hätten, weil sie nur mit ach und krach die Hauptschule geschafft und dann eine völlig ungeliebte Lehre gemacht hatten, nur um hinterher arme Mitmenschen in einem totalitären Betriebsablauf vulgär zusammenzubrüllen und zu schikanieren. Heute lieben wir Köche, weil sie uns beim Weltverbessern voranschreiten und uns mit TV-Shows unterhalten, die uns vom Selberkochen abhalten.

Und ich? Ich werde jetzt Imker. Mitten in der Stadt. Mit ein oder zwei Bienenvölkern auf dem Balkon. Machen viele junge Menschen. Und Frauen. Gibt längst schon einen Begriff dafür: Urban Beekeeping. Geil!

Ja, ich weiß, dass es eine Hummel ist und keine Biene!

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