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In der Mathematik wird zwischen notwendiger und hinreichender Bedingung unterschieden. Für vielen kulinarischen Trends gilt diese Logik ebenso. Eine notwendige Bedingung stellt dabei so etwas wie eine Grundvoraussetzung dar. Die hinreichende Bedingung ist dann aber erst der Grund, warum ein Ereignis tatsächlich eintritt.

Übertragen wir das einmal auf viele aktuell Erfolgreiches im Food- und Drink-Bereich. Hohe Qualität ist die notwendige Bedingung, um im Lärm der Industrieernährung zu bestehen. Reicht aber nicht. Denn obwohl eine alteingesessenen fränkische Familienbrauerei und eine Hamburger Craft-Beer-Gründung qualitativ gleichwertige Biere brauen, kämpfen die einen ums Überleben und den anderen werden die Flaschen unterm Hintern weggerissen. Der Unterschied liegt in der hinreichenden Bedingung: Während der fränkische Brauer noch glaubt, dass sich Qualität schon irgendwie durchsetzen wird (mnotfalls mit etwas Marketingunterstützung vom sonst eher gehassten Freistaat), lärmt der Hamburger durch die Szene mit dollen Biernamen, bunten Etiketten und Gebläse in allen Kanälen und angesagten Locations. Ohne Lautsprecher bist du nichts, egal wie gut du bist. Noch ein Beispiel: Die Bierkultur Südkaliforniens gilt als legendär – aber Greg Koch von Stone erobert Berlin, weil er der deutschen Biernation zuruft, sie hätte keinen Geschmack für gutes Bier mehr. Doch wer zum Teufel ist Mike Ingram?

Üben wir noch einmal am konkreten Beispiel: Seit Ende vergangenen Jahres hat in der Berliner „Markthalle Neun„, dem Tempel der „neuen“ Food-Bewegung schlechthin, die Metzgerei „Kumpel & Keule“ eröffnet. Die notwendige Bedingung in diesem Beispiel heißt Jörg Förstera, jüngster Metzgermeister Deutschlands, unter anderem Metzger im KaDeWe gewesen. Steht für Qualität – die notwendige Bedingung. Kannte den großartig wer? Nein. Und jetzt macht er eine gläserne Metzgerei auf. Nicht dass es so was noch nie gegeben hätte. Aber zum Glück gibt es Hendrik Haase, Foodaktivist und (kulinarischer) Medienzampano – die personifizierte hinreichende Bedingung „Unüberhörbarkeit“. Marketing-Lektion zu Ende.

Oder anders: Es ist scheißegal, wie gut du dein Handwerk beherrschst, es gibt keinen Markt für dich, wenn du da draußen nicht mitschreist und im Zweifel nicht lauter oder ausgefallener bist als der hochwertige Rest. Wenn du das Spiel nicht mittreiben willst, geh sterben oder mach schnell einen Termin mit dem Einkäufer deines Discounters – oder dem Aquisition Manager des Lebensmittelkonzerns deines Misstrauens. Du kannst hoffen, die neue Bionade zu werden. Denn alle, die dich nicht hören, laufen sowieso dorthin.

 

Fußnote: Kumpel & Keule habe ich als „einfacher“ Kunde (daher keine Bilder) bereits getestet: Ja, lohnt sich. Nicht dass wieder einer denkt, ich finde alles doof, nur weil ich überspitze (delibera et deguna!). Genussreicher (und als Anstoß für diesen glossenhaften Kommentar) hat es Torsten bei allemanfang formuliert. 

 

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