Schlagwörter

, , ,

Der Wettergott scheint der Beistand für Winzer des Brunello di Montalcino zu sein. Nur wenige Kilometer außerhalb des Anbaugebiets eines der begehrtesten Weine der Welt fahre ich im Schritttempo zu einem toskanischen Weingut, das einen „Wein wie Brunello“ keltert. Ich fahre auf einer Schotterpiste an der „falschen“ Seite des Orcia-Tals hinauf, Sangiovese-Trauben, die dort wachsen, werden nie den Namen „Brunello di Montalcino“ tragen. 15 Prozent Steigung warnt ein Schild, kein Wegweiser, das Navi ratlos – nur die Beschreibung auf der Homepage hat mich hierher geführt. Jetzt öffnet der Himmel seine Schleusen. Gelbbraun gefärbte Bäche rauschen die Schotterpiste hinab, der Blick auf die geschwungenen Getreidefelder der Crete Senesi verschwinden hinter Regenschleiern.

Blick ins ValdichianaIm Nachbartal – dem Valdichiana – bin ich bei Sonnenschein und 22 Grad gestartet; und so sollte es dort bis zum Abend bleiben. Toskana-Touristen kennen das Chiana-Tal nicht wegen seiner Landschaft sondern vor allem durch ihre Teller und Gläser. Das Tal war bereits vor über 2.500 Jahren für die Etrusker eine Kornkammer: Dinkel. Bis Geröllmassen das Gebiet versumpfen ließen. Die Felder gingen verloren, Stechmückenplagen machten Montepulciano zu dem malerischen Bergstädtchen, das es heute ist, weil der Bischoff vor den Plagegeistern in den höher gelegenen Ort flüchtete und Qualitätsansprüche an den Wein mitbrachte. Die Medici drehten später den Flusslauf des Chiana um, im 18. Jahrhundert begann Großherzog Piero Leopoldo das Tal systematisch trockenzulegen. Heute gehört das Valdichiana zu den fruchtbarsten Gebieten Italiens – eine optimierte Landwirtschaft mit schwerem Gerät, Tröpfchenbewässerung und Heerscharen helfender Migranten taugen nicht für das ikonische Toskanabild – dafür ist das parallel gelegene Nachbartal Val d’Orcia zuständig. Zwei Eurofighter vom Jagdgeschwader aus Grossetto donnern die Hügel entlang, dem letzten Vertreter der Toskanafraktion fliegt spätestens jetzt die rosa Brille von der Nase.

ChianinarinderEntdeckt hatte ich den Wein aus der typischen Toskana-Rebe Sangiovese vor einigen Tagen eher zufällig. Bei einer Probe verkostete ich Brunellos und andere Sangiovese und entdeckte einen „Brunello-Klon“, wie ich ihn fortan nannte.  Es war ausgerechnet im Nachbartal des Brunello auf einem Fest zu Ehren der „Weißen Riesen“ – der alten Rinderrasse Chianina – die größte Berühmtheit des Chiana-Tales. Das Bistecca alla Fiorentina – die italienische Edelvariante des T-Bone – stammt traditionell vom Chianina, der größte Rinderrasse der Welt. Zart, mager, aromatisch – auf Holzkohle gegrillt und nur mit Pfeffer, Salz und Olivenöl gewürzt. Weiße Canellini-Bohnen als Beilage runden den Genuss ab. Auch bei der Weinprobe war das Interesse am „echten“ Brunello di Montalcino größer als an der ebenfalls geschützten Herkunftsangabe „Val d’Orcia“.

Crete SenesiWenige Tage später verlasse ich das Chiana-Tal Richtung Westen ins Nachbartal der Orcia auf der Suche nach dem Brunello-Klon, denn bei den umliegenden Weinhändlern fand ich keine Flaschen. Aufwärts nach Pienza, der Weg ist gesäumt von langen Zypressenalleen, die zu Einzelhöfen führen. Das Postkartenidyll ist das Ergebnis der ausbeuterischen Halbpacht: Hier konnten die Pächter kostenfrei leben, um die Hänge für die Besitzer zu bestellen. Über den Türmen Pienzas baut sich bereits die erste dunkle Wolkenwand auf. Wo die Hänge zu steil werden, grasen Schafe, um der Natur den Pecorino abzutrotzen. Pienza gilt als das Pecorino-Zentrum – passend zwischen Weinorten Montepulciano und Montalcino. Die hübschen Festungsstädte auf den Bergen der machtgierigen Dynastien des Mittelalters. Wer auf den Fundamenten von Etruskern und Römern sein Bollwerk ausbaute, konnte sich besser verteidigen. Heute werden die Orte von Touristen überrannt.

Käseauslage in PienzaBrunelloglasDer Brunello ist ein Stück weit ebenfalls ein Ergebnis des Kampfes Mensch gegen Natur: Die rote Sorte Sangiovese gilt als sperrig, zu hell und im Ausbau schwierig. Um sie gefügig zu machen, braucht sie Zeit zu reifen. Beim Brunello di Montalcino kommt sie erst fünf Jahre nach der Ernte in die Gläser, nachdem sie in Kastanien- oder Eichenfässern und in der Flasche gelagert wurde. Um die Zeit zu finanzieren und den Wein einzigartig zu machen, beschloss das Brunello-Konsortium aus Winzern in und um Montalcino, ihn reinsortig auszubauen. Alle anderen toskanischen Anbaugebiete erlauben Verschnitte aus bis zu 30 Prozent anderen Trauben. Auch fast alle anderen italienischen Weine haben keine reinsortige Tradition. Damit und durch die extreme Liebhaber-Nachfrage kosten die Brunello-Flaschen meist mindestens deutlich zweistellige Euro-Beträge. Vor einigen Jahren hat das Konsortium auch Barrique-Reifung zugelassen: Das reduziert das Produktionsrisiko und liefert vor allem für den wichtigen US-Markt ein passenderes Produkt. Mein Klon ist ebenfalls reinsortig, wird jedoch nach der Handverlesung zunächst im Stahlfass vinifiziert, bevor er zwei Jahre ins große Eichenfass kommt – kein Barrique.

Blumenküberl auf einer WeinkisteWer vom Valdichiana aus nach Pienza fährt, kommt fast unweigerlich an der Via del Leone 16 vorbei – der fast schreinartig besuchten Enotheka di Ghino. Als Sonderangebot preist Ghino Poggialini im Eingangsbereich gerade Jahrgangs-Chianti aus den 60er bis 80er Jahren an, 15 Euro die Flasche zur Vervollständigung von Sammlungen. Weiter hinten schleichen schon die Liebhaber halb ehrfürchtig halb sehnsüchtig-begierig um einige Flaschen Brunello herum – der Preis auf dem Schild: vierstellig. Draußen fallen nun die ersten dicken Tropfen vom Himmel, als ich mich weiter auf den Weg in Orcia-Tal mache.

Cinta senesi Schweine liegen im MatschDirektverkauf wie bei meinem Brunello-Klon ist typisch in der Toskana – auch bei anderen landwirtschaftlichen Produkten. „Alles passiert innerhalb eines Radius von 10 Kilometer,“ schildert mir Nicola Fierli während einer Führung durch seine Ställe in Faiano della Chiana mit 130 Chianina-Rindern und 300 Cinta-Senese-Schweinen – den beiden typischen Rassen der Region. Das Futter baut er auf 100 Hektar selbst an. Auf seinem Hof züchtet er die Tiere selbst. Im Nachbarort steht die Schlachterei und zwei Kilometer weiter verkauft er mit seinen Kollegen die Produkte direkt in der Metzgerei am Rande eines Gewerbegebiets. Nudeln, Öl, Wein und Craft Beer von anderen lokalen Produzenten kommen dazu. An der Straße schieben sich die Autos ins dahinterliegende riesige Outlet Center vorbei. „Nur wenn wir alles selbst machen, haben wird die komplette Kontrolle über unser Produkt.“ Anders als in Deutschland werden die Produkte aus der Nachbarschaft viel mehr geschätzt. Selbst in den Supermarktketten unterscheiden die Herkunftsangaben zwischen „Italia“ und „Toskana“ – oder geben gleich den regionalen Hof an.

Poggio grande Bild Da kommt es auch vor, dass Produkte ausverkauft sind. Mich trifft es bei meiner Suche nach dem Brunello-Klon. Noch weiß ich es nicht: Nach knapp drei Kilometern Schotterpiste mit lehmbraunen Sturzbächen erreiche ich das Weingut Poggio Grande – ein typischer toskanischer Bauernhof, keine Idee, wo der Eingang zum Weinverkauf ist. An einer schlichten Haustüre schlage ich die metallgraue Glocke, die weit über Kopfhöhe hängt. Ich warte. Ich schlage die Glocke ein zweites Mal. Dann höre ich leise Schritte innen und wenig später öffnet eine ältere Dame mit feinkarierter Bluse. Auf das knappe Vordach prasseln dicke Regentropfen.

Chianinarinder im Stall„Das Wetter ist besonders nass in diesem Jahr“, bestätigt Nicola Fierli die Wetterkapriolen in diesem Mai und blickt auf seine Tiere unter dem Dach. Der Wettergott prüft nicht nur mich, sondern auch den Züchter: „Bei diesem Wetter wollen die Tiere nicht raus, dann wird es länger dauern, bis sie schlachtreif sind.“ Am Ende leidet möglicherweise der Brunello-Jahrgang: Das „Blut des Jupiter“ – nichts anderes bedeutet der Namen Sangiovese in seinem lateinischen Ursprung – ist regenscheu. Die Traube straft einen verregneten Jahrgang mit intensiver Säurenote. Seine granatrote Farbe erhält der Wein nur bei Vollreife (oder durch den Verschnitt mit Merlot. Im Weinskandal „Brunellopoli“ war dies der Vorwurf in den 2000er Jahren).

Weinsortiment in einem Wohnzimmerschrank„Kommen Sie herein“, bittet die ältere Dame, die sich als die Mutter des Winzers vorstellt. Ich mache einen Schritt in den trockenen Flur. Nur ein Stapel leerer, zusammengefalteter Weinkartons verrät, dass ich hier in einem Weingut bin. Rechts sehe ich eine Küche. Links geht es ums Eck weiter. „Kommen Sie“, bitte die Gastgeberin. Der Landwirtschaftsbetrieb ist über 100 Jahre alt, in den späten Achtziger Jahren kam der Schwenk auf den Weinbau. Ich stehe im Degustationszimmer – die Tropfen, die draußen auf der weitläufigen Gartenterrasse Pingpong auf dem saftiggrünen Weinlaub spielen, zaubern eine Gemütlichkeit in den zurückhaltend eingerichteten Verkostungsraum. In der Mitte stehen zwei einfache Holztische. An der Wand hängen Zeitungsausschnitte und Bilder vom Palio – dem wilden Pferderennen auf dem Campo vor dem Rathaus Sienas. Azienda-Besitzer und Winzer Luca Zamperini ist regelmäßiger Reiter dort. Das Sortiment ruht vor einem Spiegel auf einer alten Kommode. „Sesterzo 2011“ – mein gesuchter Wein ist nicht dabei.

Degustationsraum im Poggio GrandeNein, er sei ausverkauft, erfahre ich von meiner Gastgeberin, als sie mit einem Teller verschiedener Pecorino zur Verkostung der Weine hereinkommt. „Was möchten Sie dann probieren?“ Ein Sesterzo 2013 steht auf dem Brett, ich wähle ihn und zwei weitere Rote. Einen weißen Frizzante spendiert mir die Dame des Hauses zu Beginn. Wie seine Vorgänger ist der 2013er ein 100prozentiger Sangiovese mit Reifung im Eichenfass und unfiltriert abgefüllt. Er hat noch etwas von der typischen Spritzigkeit eines jungen Jupiter, aber das Rubinrot strahlt schon, als zwischen zwei Wolkenbrüchen kurz die Sonne durch die Terrassentür blitzt. Doch trotz der Jugendlichkeit drängen bereits die kräftigen Tannine und Kirscharomen in die Nase. Und ein robustes, herbes Fundament mit einem langen Nachhall versprechen bereits heute noch mehr Genuss nach der Geduld für eine weitere Lagerung. Ich lasse mir meine Flaschen einpacken und bezahle. Noch ist der 2013er Sesterzo kein Brunello-Klon. Jetzt wartet er in meinem Keller darauf, dass er in zwei Jahren die nächste Chance erhält.

Der Wettergott bäumt sich am Abend noch einmal auf. Als ich im Valdichiana meine Weinflaschen aus dem Nachbartal verstaue, schlägt mit einem ohrenbetäubenden Donnerschlag irgendwo in der Nähe unseres Bauernhauses der Blitz ein. Nicola Fierlis Tiere werden heute nicht mehr ins Freie gehen. Jetzt gießt es im Chiana-Tal wie aus Kübeln.

Blick ins Orcia-Tal

 

Advertisements