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Zweimal hatte Jakob Donninger versucht den beiden Polizisten seine Theorie zu den toten Köchen zu erklären. Reine Logik – er konnte nur recht haben. Er war von seiner Theorie so überzeugt, dass er nur eine halbe Stunde nach seiner ersten Zeugenaussage gleich wieder umgekehrt war und noch einmal mit einem Kommissar sprechen wollte. Für Donninger war das keine Selbstverständlichkeit. Er hasste es, wildfremde Menschen anzusprechen. Schlimm genug war es schon für ihn, auf sie zu reagieren, wenn sie etwas von ihm wollten. Er hatte keine zehn Minuten gebraucht, alle Information so zusammenzusetzen, dass es letzlich nur eine logische Erklärung für die Todesfälle geben konnte. Zweimal hatte er noch seine Theorie abgeklopft, dann drehte er um.

Die Satzfetzen des verzweifelten Barkeepers auf dem Flur der Polizei zusammen mit seiner Beobachtung – dazu die paar Dinge aus der Befragung, die die beiden Polizisten wahrscheinlich gar nicht preisgeben wollten – hatten ihm gereicht. Er wusste, warum die fünf Köche gestorben waren.

Bevor Donninger ein drittes Mal mit seiner Theorie ansetzen konnte, war Kommissarin Katharina Mahnke aufgestanden und hatte ihn persönlich vor die Tür begleitet: „Ich danke Ihnen sehr, dass Sie uns so unterstützen wollen. Ich glaube, wir haben nun alles notiert. Und natürlich melden wir uns bei Ihnen, wenn wir noch Fragen an Sie haben.“ Dann stand Donninger schon wieder alleine vor dem Polizeirevier. Die schwere Türe schloss sich langsam hinter ihm. Vor ihm ging es drei Stufen nach unten. Einen Scheißdreck interessieren die sich für meine Theorie, dachte er, bevor er die Stufen einfach alle übersprang. Vielleicht würden sie jetzt wenigstens in die richtige Richtung ermitteln.

Es war zwei Uhr morgens gewesen, als Donninger die zusammengekauerte Gestalt  an der Hauswand vor ihm gesehen hatte. Ein Obdachloser? Er überlegte sofort, was und wie er ihm antworten würde, wenn der ihn ansprechen würde. Wie sollte Donninger am besten an ihm vorbeigehen? Wieder einer dieser Kontakte, der ihm so schwerfiel. Dann hörte er das hechelnde Fauchen, fast stimmlos, panisch. Als er den Mann erreichte, neigte der sich zu ihm. Die Stirn glänzte im Laternenlicht vor Schweiß, flach atmend rang der Mann am Boden nach Luft und brachte kein Wort mehr heraus. Die Augen weit aufgerissen, die Hand an der Brust, krampfend. Donninger versuchte ihn zu stützen, als er vornüber zu kippen drohte. Er ergriff das Handgelenk  und fühlte den Puls – rasend. Donninger nestelte nach seinem Telefon in der Tasche und rief den Notarzt. Als die Sanitäter nach 15 Minuten eintrafen, spürten sie den Puls fast nicht mehr.

Donningers Telefon klingelte gegen Mittag. Die Polizei bat ihn für eine Zeugenaussage aufs Revier. Der Obdachlose, für den er gestern den Krankenwagen gerufen hatte, war gestorben. Es war kein Obdachloser gewesen sondern ein Koch, der in der Nacht zuviel gebechert hatte. Eine Stunde später saß Donninger im Revier auf einem Plastikschalen-Sitz. Die Dinger kann man super abkärchern, wenn es hier mal zu eklig wird, dachte Donninger.

WMNegroni-1Eine Tür öffnete sich: „Ich weiß wirklich nicht … die hatten nach irgend so einem Gastro-Event bei mir reserviert.“ Heraus kam ein sichtlich übernächtigter Kerl. „Alles Köche, was weiß ich. Alle für irgendwas ausgezeichnet worden. Die ham das gefeiert.“ Verzweifelt war er obendrein. „Die kamen wegen meiner Drinks Es ist doch Negroni-Week. So einen Stress kann ich jetzt gerade gar nicht gebrauchen. Ich weiß doch auch nicht.“ Der Kerl klang restlos verzweifelt. „So ne Eskalation hatten wir im Antecedent noch nie – nicht seitdem ich den Laden übernommen hatte. Wir sind doch keine Spelunke.“

Donninger nahm sich vor erst einmal abzuwarten, ob sich die Polizistin wieder melden würde. Vielleicht würde er seine Theorie bis dahin noch etwas verfeiern können – oder weitere Belege finden. Für ihn war klar: Die Köche waren in der Antecedent-Bar mit Cocktails vergiftet worden. Das Gift war in einem der legendären selbstgemachten Likören, wahrscheinlich eine Mixtur aus dem bitteren Cucurbitan kombiniert mit Nikotin vielleicht – lässt sich ja einfach aus Kürbis und Tabak produzieren und würde zu dem krampfenden Koch passen, den er nachts gefunden hatte.

In Drinks wie Negroni stört das Bittere nicht, man erwartet es dort sogar: Bitter beats boring! Stellt sich nur die Frage, ob der Barkeeper es absichtlich oder unwissentlich produziert hat. Der Kerl wäre nicht der erste, der mit Tabak in Cocktails experimentiert. Die Köche bechern an einem Abend nach einem stressigen Tag, viel Alkohol, einige ältere Köche unter den Toten – das vertragen es noch weniger. Schlechtes Timing der Herren. Schon traurig, dass die Feier der Preisträger des diesjährigen GastroInnovationAwards so endet, sinnierte Donninger.

Donninger scrollte durch seinen Kalender im Smartphone, stellte fest, dass er ja noch zu einer Untergrund-Weinprobe gehen könnte, zu der er eingeladen war und änderte spontan den Weg. Wenn die Polizei sich schon nicht für seine Theorie interessierte, konnte er sich wenigstens mit noblen Tropfen abschießen. Über Wein konnte er reden, ohne dass Smalltalk ihm in die Quere kam. Komm über mich, du schwerer Roter!

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