Schlagwörter

, ,

Vom „Craft Distiller“ hat die Szene in Deutschland noch nicht so viel gehört: Kleine Brennereien, die sich auf hochwertige handwerklich produzierte Spirituosen spezialisiert haben. Seit 2015 kündigen kulinarische Trendauguren Craft Spirit als den kommenden heißen Scheiß an. Vor allem viiele Neugründungen junger Brenner tragen ihren Teil bei. Außer Gin und ein bisschen Whiskey ist noch nicht so viel gekommen. Bisher.

„Sie haben angerufen?“ Fragt mich der Craft Distiller, als ich neben einer ausgedienten Brennblase aus dem Auto steige. Der einzige freie Parkplatz. Feste Öffnungszeiten gibt es nicht – man muss schon nachfragen, wann man vorbeikommen kann. Dann steigen wir einige Stufen hinunter in seinen Verkaufsraum. Eine enorme Vielfalt an Bränden und Likören reiht sich auf den Regalen an der Wand aneinander.

Leidenschaft. Morgens zur Frühschicht in die Fabrik, danach in die Brennerei. Obst von Streuobstwiesen, einige der Brände reifen in Holzfässern zu edlen Tropfen heran. Extrem hoher Qualitätsanspruch: „Da steht schließlich mein Name drauf.“

CraftSpirit--2Nach einem langen Blick über die Regale wähle ich den Gin. Volltreffer: „Eine der letzten Flaschen. Aus dem Nosingglas strömen Zitruszestenaromen, dezenter Wacholder und eine Lakritznote meiner Nase entgegen. Am Gaumen überrascht der Tropfen als extrem weich und leicht. Vergiss den Tonic: Etwas Eis und Zitrone – das macht den perfekten reduzierten Aperitif, den man in der urbanen Kulinarikszene so liebt: reduziert, sauber, klar. Doch keine Sorge, was den limiterten Nachschub angeht: „Der nächste ist schon angesetzt, dann mit Orangen.“

Dann probiere ich einen Whisky, der keiner ist. Ein Handwerksprodukt, das zunächst keiner Schublade gerecht wird. In allen Bewertungen durchgefallen. Weinbrand, Tresterbrand, Hefebrand – fassgelagert. Karamell, Dörrfrüchte, leichte Vanillenoten, dezentes Holz. Aromatik, die an einen Whisky erinnert – nur eben aus Trauben. Die ersten Flaschen trugen den Namen „Winzerwhisky“.

CraftSpirit-So ganz passt der Craft Distiller nicht in das Bild eines ehrgeizigen Machers, der auszog, den Großstädtern  den echten wahren schönen Genuss endlich zurückzubringen. Online ist kein Spirit von ihm zu erhalten.  Und statt eines knackigen Marketingnamen – ausgedacht in einer heruntergekommenden Butze in Marienfelde oder der Südstadt nach der ersten halben Flasche Schnaps – heißt der Winzerwhisky heute „Winzertröpfle“.

Der Craft Distiller ist eben ein Kleinbrenner. Statt Prenzlauer Berg liegt ein Weinberg vor der Haustür und die Großstadt kommt schon seit den 80er Jahren nicht mehr in organisierten Bustouren vorbei.  In der Tauberfränk’schen Hausbrennerei Erich Krämer. Ich genieße die Ruhe, als ich meine Flaschen zusammenpacke. Für die einen ist es Craft, für mich die Widerentdeckung der Heimat.

 

Advertisements