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Die Vergangenheit holte Jakob Donninger als Rohmilchbutter ein. Rohmilchbutter – die Food Community in den sozialen Netzwerken war auf der Jagd nach den in Deutschland nahezu verbotenen Barren. Das ging bereits seit einigen Monaten so; Food-Trend.

Der kleine Jochen spültEin kurzes Lächeln huschte über Jakobs Gesicht. Rohmilchbutter – das Ergebnis schmerzender Unterarme und zwickender Sehnen seiner Kindheit. Jeden Morgen holte Jakob oder sein Vater beim Bauern am Dorfrand zwei Liter Milch. Ihre Kanne stand auf einer kleinen Fensterbank im Innenhof neben ein paar anderen. Immer samstags stand eine alte Tasse  daneben, damit jeder seine Wochenration zahlen konnte. Bestimmt wusste das der Finanzbeamte im Dorf und auch die beiden Polizistenfamilien. Aber erst der Tod des Milchbauern beendete den illegalen Verkauf. Wenn zuviel Rahm in der Kanne schwamm, und wenn Mutter keine Schlagsahne benötigte, musste Jakob oder sein Bruder mit dem Schneebesen den Rahm zu Rohmilchbutter schlagen – verdammte, schmerzhafte Rohmilchbutter.

The Whole Beast

Die Prügel seines Bruders schmerzten mehr. Zweimal im Jahr kam die ganze Familie zusammen: Eine Tante, zwei Onkel und die Oma, in deren Hinterhof sich alle trafen, um gemeinsam ein Schwein zu schlachten. Die Prügel holte Jakob sich wegen des Ringelschwänzchen. Es war sein Bruder, der es üblicherweise im Sudkessel versenken durfte. Jakob war das egal und so oft es ihm gelang warf er selbst hinein. Gefolgt von Prügel. „Die Engländer machen das jetzt auch“, erinnerte sich Jakobs Bruder Jahrtausendwende während ihrer traditionellen Neujahrstelefonate. „Also nicht die Prügel,“ gluckste es im Telefon. „Aber das mit dem Ringelschwänzchen. Da gibt es jetzt einen Koch, der Bücher darüber schreibt und den Engländern beibringt, dass man das ganze Schwein essen kann.“

Silvaner-1Jakob war ein Landei, wuchs in der fränkischen Provinz auf, wo er die Nachbeben seiner Pubertät mit Silvaner weggesoffen hatte. Jenseits der Weinbautäler ließ der Rest der Weinwelt den traditionellen Weißen als verstaubt links liegen, Kater aus Bocksbeuteln. Jakob hatte sich gefreut, als er zum Studium das verhasste Heimattal verlassen konnte. Dem Silvaner blieb er treu. Mit seinem Abschluss – einem IT-Master mit Auszeichnung – entstaubten dann die Städter den fränkischen Tropfen. Jakob eroberte dafür als IT-Administrator von nun an das Terrain der Städter.

Die Hauptstadt des Craft Beer

„Und? willst du mir nicht etwas über eure tolle Bierdichte erzählen, euer unschlagbares Einwohner-Sudhaus-Verhältnis?“

Jakob schaute den Typ mit Bart hinter der Bar im Berliner Friedrichshain verständnislos an. „Nein, wieso?“

BayerischNizza-1Das war 2012, als seine Heimat sich zum ersten Mal für seine Flucht rächte. Mitten in Berlin, mit Bier. Der Bärtige hinterm Tresen redete nun vier Bier lang auf Jakob ein, warum trotz größter Brauereidichte in Franken die deutsche Hauptstadt des Bieres allein Berlin sei. Das rollende r hatte Jakob verraten. Außer der Order fürs nächste Bier sagte er kein Wort. Der Bärtige fuhr fort, der Franke solle sich bloß bei Bier nicht immer zu Wort melden. Nur weil er theoretisch an jedem Tag der nächsten fünfeinhalb Jahre ein fränkisches Bier trinken könne, ohne dass sich eines wiederholen würde. Ob er wohl der Meinung sei, es brauche gar kein Craft Beer und in Franken schon gleich drei Mal nicht. Jakob hörte zu und bestellte ein fünftes Bier. Imperial Irgendwas, zu Hause hatte es nur einen Doppelbock gegeben. Der Bärtige beendete seinen Monolog, weil er ein Gitter mit Gläsern nach hinten zum Spülen schieben musste.

Schwäbisch-Höllisch galore!

Die späte Rache der bärtigen Preußen setzte sich fort. Drei Jahres später, wieder ein Projekt in Berlin, entdeckte er dort Mutters Sonntagsbraten. Hinter dem Schaufenster mit den wilden Strichen, die den Namen der Metzgerei ergaben, erkannte er etwas, das mehr wie ein Bretterverschlag wirkte als an eine Kühltheke erinnerte. „Bestes Schwäbisch-Hällisches Landschwein“ stand überall hingekritzelt. Den Sonntagsbraten erkannte er an der Maserierung – wie bei Mutter, nur die Farbe des Fleisches wirkte etwas fahl. „Kannst du mal weitergehen, wir wollen auch noch rein,“ drängelte es hinter ihm.“Nein, ich will hier nicht rein.“ Das Kilo schwäbisch-hällisch kostete rund das Doppelte wie zu Hause. Schwäbisch-hällisch stand zu Hause höchstens im Kleingedruckten, schwäbisch-hällisch war der Silvaner der Schweinezucht – erzeugt von einer hinterwäldlerischen Genossenschaft, irgendwie verstaubt halt. „Hey, der Laden hier ist die Wiedergeburt des deutschen Metzgerhandwerks,“ erklärte der Drängler.

Du bist, was du isst!

Bärtige Städter nahmen Jakob eine Kindheitsgeschichte nach der anderen. Dass Mutter sich regelmäßig über die hohen Preise beim Metzger beschwerte und der Supermarkt in der benachbartern Kleinstadt viel günstiger sei, dass sie aber trotzdem fast immer den Einkaufswagen an der Fleischtheke vorbeirollte, und es darum einfach nur ein bis zweimal die Woche Fleisch zu Hause gab, bekam zwanzig Jahre später einen ideologischen Weltverbessererstempel aufgedrückt. Plötzlich hatte sein Schinken vom Schwäbisch-Hällischen eine messianische Heilsgeschichte – die feingeschnittene Rettung des deutschen Metzgerhandwerks mit dezentem Wacholderrauch. Nun also auch die Rohmilchbutter.

Jakob loggte sich in die Archiv-Datenbank seines alten Landkreises ein. Boeuf de Hohenlohe tippte er in die Suchmaske. Er öffnete einige alte Bücher und fand eine historische Karte, in der die Wege eingezeichnet waren, auf denen die fränkischen und Hohenloher Bauern ihre Rinder nach Paris getrieben hatten. Vielleicht mal eine Auszeit nehmen und dem damals so beliebten Fleisch hinterherwandern? Bevor wieder irgendeiner einen Trend dazu ausrief, wollte Jakob Donninger erster sein. Er klopfte einen Recherechealgorithums zusammen und ließ sich alle heutigen Sterne-Restaurants entlang der alten Vieh-Routen zusammenstellen. Dann druckte er sich die ersten potentiellen Wanderrouten mit Stopps aus.

Mehr zu den Erlebnissen von Jakob Donninger.

Disclaimer: Natürlich ist das alles hier erfunden und Ähnlichkeiten zu echten Trends und Personen völlig beabsichtigt aber zufällig zusammengestellt. Und ja: im Zweifel ist es Ironie und gewollt. Prost!

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