Von biertrinkenden Wasserspeiern und kleinen Bastarden

Kaum schlage ich den schmalen Weg an der Schrebergartensiedlung nach der S-Bahn ein, fühle ich mich wie ein Junge auf einer Schnitzeljagd. Am Poller, der die Autos an der Einfahrt hindert, klebt der erste Aufkleber. Offensichtlich bin ich richtig. Rund 100 Meter weiter an einer Fußgängerbrücke über den Teltowkanal klebt wieder einer. Nach den Gärten grenzen Zäune den Weg eng ab. Alte Gleise, Photovoltaikanlagen – im Berliner Süden zwischen Lankwitz und Mariendorf bin ich auf dem Weg zu Stone Brewing- jener legendären südkalifornischen Craftbrauerei, die es in knapp zwanzig Jahren zum zehntgrößten Brauer der USA gebracht hat. Und seit diesem Jahr in Berlin.

Fußgängerbrücke in der SonneStone war Ende der Neunziger eines der ersten amerikanischen „Craftbiere“, die ich getrunken habe. Nachdem sie in den USA mittlerweile die Drogeriemärkte des Landes erobert haben, wollen Sie jetzt aus einem ehemaligen Gaswerk im Marienpark – einem der zahlreichen Berliner Metamorphosen zum Startup-Nachhaltigkeitssewerbegebiet – ihre europäischen Expanison starten. Dafür haben sie nicht nur die Brauerei das Konzept ihrer World Bistros & Gardens dorthin gepflanzt. Ich kenne den Ableger Liberty Station hinter dem Flughafen San Diegos von verschiedenen Besuchen: es ist eines der größten Restaurants der Stadt; auf dem ehemaligen Marinegelände fahren auch schon mal Humvees für einen Zwischenstopp vor.

BacksteingebäudeNeben den „üblichen“ meist hopfenbetonten Standards von Stone hat der Berliner Ableger nun begonnen, eigene Biere zu brauen. Die lokalen, oft saisonalen Angebote, die es sonst nirgends gab, habe ich schon in San Diego sehr geschätzt. Damit war die Zeit reif für mich für einen Besuch im Marienpark. Nach 15 Minuten durch Schrebergärten und Baustellen steht man vor dem Backsteinbau mit geschwungenen, terrassiert gestaltetem Außenbereich und zweigeschossigem Gastraum im Innern. Zur Vorspeise gönne ich mir einen kleinen Caesar Salad (als Beilage steht er nicht auf der Karte) mit frisch gemachtem Dressing und beginne mit der Berliner Weisse von Stone. Der Kellner hatte mich gewarnt: Der Sud hat kaum Säure und ist eine Weisse ohne Ecken und Kanten für Jedermann. Das andere Extrem empfiehlt hinterher: Friedrichhain der Name, die Weisse-Variante von Pohjala aus Tallinn in Estland. Ein Monster an Aromen aus unreifen, grünen Beeren.

Bierproben auf dem TischAls zweiten Aperitif gönne ich mir etwas Stone-typischeres: Eine unfiltrierte IPA-Variante mit trockengehopftem Callistra Hops – der geschmeidigere Berliner Bruder zu ihrem Standard „Stone IPA“: Lecker! Dann kommt der Hauptgang: Bitter Sweet Chicken. Eines dieser typischen Stone World Gardens Gerichte – aromatisch intensiv, das verschiedene Einflüsse der Welt in Slow Food Qualität vereint. Dicke Sauce für die Kartoffeln – ein mächtiger Hauptgang mit frischen Grünkohl-Blättchen. Als Berliner Begleitung habe ich den „Arrogant Lil‘ Bastard“ ausgewählt, die leichte Variante des legendären, mittlerweile seit 18 Jahren gebrauten „Arrogant Bastard Ale„. Obwohl es mit 4,7 vol % deutlich leichter ist, kann der Körper des „kleinen Bastards“ problemlos mithalten. Hier haben die Berliner eine würdige Tageslicht-Variante des bombastischen Klassikers hinbekommen.

Gastraum von Stone Brewing in BerlinStatt Dessert bestelle ich mit etwas Skepsis noch das Stone Imperial Coconut Hazelnut Porter. Die 9,3 vol % werden wunderbar weich eingebunden. Die Haselnuss schmecke ich nur, weil ich es weiß und ihr bewusst nachspüre. Die Kokusnuss dominiert nicht sondern rundet mit ihre Cremigkeit den malzig schwarzen Schokokuchenersatz im Glas ab. Ich hole mir noch ein Quartat Dosenbier Ruination ab und spaziere an den Schrebergärten vorbei zurück zur S-Bahn.

Alle Biere gibt es in drei Größen (ab 0,15l) auf der Karte – oder man fragt nach einem „Taster“.

Imperial Porter im Glas mit BierkarteWer es nicht nach Berlin schafft, kann sich am 26.10. in Köln einen Überblick über die große Welt der Biere machen. Dann steigt das nächste Guerilla Beer Tasting. Anmeldung direkt hier, Beginn ist um 19 Uhr. Nach der Anmeldung kommt mit der Zusage auch die Info zur Location: