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Ein Vorort San Diegos. Der vollklimatisierte Laden, dessen Adresse auf meiner Liste steht, liegt nur zwei Blocks vom legendären Highway 101 entfernt. Langsam bewege ich mich an den Kühlregalen entlang ins Dunkel nach hinten, doch das gesuchte Bier finde ich nicht. Sein Namen ehrt den römischen Gelehrten und angeblichen Namensgeber des Hopfens: Plinius, der Ältere. Ob ratebeer oder beeradvocate, „Pliny the Elder“ gilt als eines der besten – vor allem aber begehrtesten Biere der USA: Ein Double IPA mit ausgewogener Frucht- und Malznote neben der typischen Westküstenbitterness – gebraut vom „Erfinder“ der bitteren Westküsten-(X)-IPAs Vinnie Cilurzo. Und Russian River Brewing Company, die Brauerei aus Sonoma County nördlich von San Francisco, bewirbt das Bier nicht, einige hundert Geschäfte in Kalifornien und Colorado erhalten Flaschenabfüllungen. Vor denen bilden sich teils lange Schlangen, wenn das Gerücht die Runde macht, es komme Nachschub.

Wieviel Marketing darin steckt, weiß ich nicht. Der Verkäufer reicht mir eine Flasche:

„Noch irgendetwas anderes?“

„Ich hätte gerne noch mehr davon.“

„Was? Wie viele sollen es denn sein?“

„Sechs wären schön.“

„Was? Niemand bekommt so viele Flaschen von Pliny!“

Dann marschiert er mit mir nach hinten ins Lager. Zwei große Pappkartons des Biers stehen dort. Der Verkäufer schnappt sich eine Papptasche und greift in die Kartons.

„Wie viele Flaschen?“ fragt er nochmal, immer noch hoffend, dass ich es mir anders überlegen würde. Er lässt gerade die zweite Flasche in die Tasche gleiten.

„Sechs.“ Die nächste Flasche wandert aus dem Karton.

„Wirklich?“ Er leidet sichtlich.

„Ja. Sechs.“ Dann gibt er auf und füllt meine Tasche voll. An der Kasse bekomme ich noch den Hinweis:

„Normalerweise verkaufen wir nur eine Flasche pro Kunden. Verrate bloß nicht, dass du sie hier gekauft hast.“

Das Etikett ist vollgetextet mit Warnhinweisen im Stile von „Nicht lagern, frisch genießen“ und so fort. Beim Guerilla Beer Tasting am 7. April haben wir das legendäre Gesöff getestet. Hohe Erwartungen, die schnell enttäuscht werden. Und auch Double IPAs sind nicht jedermanns Sache. Entsprechend extrem waren die Einschätzungen. Für mich die große Überraschung war, wie stark sich das Bier in den acht Wochen, in denen ich die gleiche Abfüllung (vom 3. Februar) probiert hatte, bereits verändert hatte – die anfängliche Frische und Fruchtigkeit ist bereits deutlich gewichen. Aus einem perfekt abgestimmten, harmonischen Bier, das starke Hopfung, hoher Alkoholgehalt und süffigen Körper in Einklang gebracht hatte, ist nach zwei Monaten „nur“ ein richtig gutes Amrican IPA geworden. Vielleicht sollte ich aus experimentellen Gründen eine letzte Flasche noch etwas aufbewahren?

Die Warnungen auf dem Etikett sind jedenfalls nicht umsonst!

Zwei Flaschen Pliny the Elder

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